Brauchen Jungen männliche Erzieher?

Erzieher im Kindergarten?Der Mann als harter Kerl passt nicht so recht ins Erzieher-Klischee. Warum? Weil der Erzieherberuf immer noch eine Frauendomäne ist, Männer die Welt regieren und von Kindererziehung (angeblich) keine Ahnung haben, von zu wenig Gehalt abgeschreckt werden, nicht als Weicheier gelten wollen oder mit dem unterschwelligen Generalverdacht der Pädophilie zu kämpfen haben?

Spätestens seit „Keinohrhasen“ ist die Öffentlichkeit darüber entzückt, was Männer in Kindertagestätten bewirken können. Oder gibt’s das etwa nur im Film?

Die ersten Lebensjahre unserer Kinder werden von Frauen dominiert, das müssen selbst die Gegner von männlichen Erziehern anerkennen. Frauen tragen die Kinder aus, bringen sie zur Welt, stillen (meist) über mehrere Monate und sind damit in den ersten Lebensmonaten die Hauptbezugsperson. Geht der Nachwuchs dann in Kinderkrippen und Kindergärten, wird er ebenso zu einem sehr hohen Anteil von Frauen betreut wie in Horten und Grundschulen. Kann diese Frauen-Übermacht für die Entwicklung und das Lebensbild unserer Kinder „gesund“ sein?

Zum Verständnis: Wir planen keine Revolution gegen die Erzieherinnen, die in den letzten Jahrzehnten ihren Beruf hervorragend ausgeübt haben, sondern möchten dazu beitragen, aufgrund der veränderten gesellschaftlichen Bedingungen Männer in Erziehungsberufen sowohl als gleichberechtigte Partner als auch als Chance für die Erweiterung des pädagogischen Profils der Einrichtungen zu betrachten.

Erzieher sind eine Bereicherung in der Kindererziehung

Männliche Erzieher sind für Jungen und Mädchen zentrale Bezugspersonen, wenn etwa die Väter zu wenig Zeit für ihre Kinder haben oder Mütter alleinerziehend sind. Aber das sind bei Weitem nicht die einzigen Argumente, die für Männer im Erzieherberuf sprechen.

Was haben Männer, was Frauen nicht haben?

  • Männer haben eine andere Konstitution
    Sie sind (meist) größer, stärker, körperlich robuster und haben eine tiefere oder kräftigere Stimme. Diese Eigenschaften erleichtern Männern allein durch ihre Präsenz den üblichen Erziehungsalltag in Kindertagesstätten.
  • Männer „können gut“ mit Jungen
    Männer lassen sich auf „männertypische“ Interessen und Bedürfnisse von Jungen anders (besser) ein. Toben, Fußball spielen, Raufen, Wettrennen, Weitwerfen, Stöckchen schnitzen, „Männergeheimnisse“ hüten, Sandburgen oder Baumhäuser bauen macht mit Männern mehr Spaß, weil sie handwerkliche Arbeiten und Kraftproben unkonventioneller meistern. Zudem ordnen Jungen bei ihrer Rollenfindung und Identitätsentwicklung all diese Tätigkeiten eher Männern zu. Welcher Junge findet es schließlich cool, beim Fußball gegen eine Frau den Kürzeren zu ziehen?
  • Männer begegnen Aggressionen von Kindern positiv und direkt
    Männer setzen kindlichen Emotionen und Aggressionen feste Regeln entgegen und greifen bei Rollenspielen mit Kämpfen, Schlagen, Kratzen oder Siegen autoritär, ohne Stress und dennoch regulierend ein, ohne als Störenfried betitelt zu werden. Frauen hingegen gelten in der gleichen Situation als blöde Kuh und haben meist ein weniger „dickes Fell“.
  • Männer und Frauen ergänzen sich ideal
    Wir mögen uns auf Dauer weder reine Frauen- noch Männerkitas vorstellen, aber eine Kombination aus den Stärken beider Geschlechter schon. Zu den einfühlsamen und weichen Frauen bilden starke und geradlinige Männer einen gleichwertigen Gegenpol.

Erzieher und Sexualität

Den Generalverdacht gegenüber Männern in Erziehungsberufen – jeder könnte ein Sexualstraftäter sein – möchten wir an dieser Stelle nicht bewerten. Nicht, weil wir uns davor scheuen, sondern weil es hier nicht das zentrale Thema ist!

Wir betrachten hier Sexualität in Kindertagesstätten ausschließlich aus dem Blickwinkel des „kleinen Unterschieds“. So sind männliche Bezugspersonen besonders dann wichtig, je älter Jungen werden und einen gleichgeschlechtlichen Ansprechpartner suchen. So ist nicht nur das geübte Stehpinkeln beim Kita-Ausflug ein brennendes Thema, sondern auch die Nutzung von Umkleiden in der Sporthalle und im Schwimmbad, die Übernachtung während einer Fahrt oder ein offenes zwangloses Gespräch über das eigene (und das andere) Geschlecht.

Ersatzvater oder Quotenmann?

Männliche Erzieher taugen entgegen mancher Erwartung mittel- und langfristig weder als Ersatzvater noch als Quotenmann. Nichtsdestotrotz können männliche Bezugspersonen in Kindertagesstätten die Entwicklung von Kindern mit häuslichen Gewalterfahrungen oder alleinerziehenden Müttern positiv und nachhaltig positiv beeinflussen.

So verlieren durch Gewalt verängstigte Kinder allmählich wieder ihre Furcht vor Männern und lernen, neues Vertrauen zu schöpfen. Auch Kinder alleinerziehender Mütter erleben Erzieher in Kitas (meist) als zuverlässig und liebevoll, so dass sich negative familiäre Erfahrungen mit dem Kindesvater relativieren und nicht zu einer generellen inneren Abwehr gegenüber Männern führen.

Kampf der Geschlechter anstatt Harmonie?

Männer bringen nicht nur das andere Geschlecht, sondern gegensätzliche Interessen, Gewohnheiten oder Sicht –und Verhaltensweisen in Kindertagesstätten ein, die das gleichberechtigte Miteinander auf harte Proben stellen kann. Was passiert, wenn männliche Machos, die Problemen mit der Weisungsbefugnis von Frauen haben, auf Zickenkrieg erprobte Frauen treffen oder sich Erwartungen, Wünsche und Berufsroutinen der Erziehenden nicht als deckungsgleich erweisen?

Auch in der täglichen Zusammenarbeit kehren Frauen und Männern häufig unbewusst in ihre traditionellen geschlechterspezifischen Rollen zurück, die Kinder ungewollt in der Überzeugung bestärken, dass Männer ohnehin auf das Handwerkliche und Frauen auf das Hauswirtschaftliche festgenagelt sind. Daher ist es ratsam, unter Berücksichtigung der individuellen Vorlieben und Stärken der Erziehenden stets gemeinsam den Blick für eine geschlechtsbewusste Pädagogik zu schärfen, was wiederum ein kontinuierliches Engagement und eine gleichberechtigte kollegiale Auseinandersetzung von Frauen und Männern voraussetzt.

Die Arbeit von Männern in Kindertagesstätten kann also durchaus ein Grund dafür sein, dass Auseinandersetzungen oder Konflikte entstehen, die es ohne die Männer gar nicht gegeben hätte. Vollkommen richtig! Aber vielleicht hinterfragen sie ja auch nur liebgewordene frauliche Gewohnheiten, die bisher als Besitzstand galten und jetzt in Gefahr geraten könnten.

FAZIT:

Jungen brauchen männliche Erzieher nichts als Lebensnotwendigkeit, aber für die Entwicklung ihrer Identität und des Rollenverhaltens, für das Austesten ihrer Grenzen und als Vertrauensperson. Dies gilt jedoch gleichermaßen für Mädchen, wenn sie selbstbewusst von ihren Vätern, Jungen oder anderen Männern wahr- und ernstgenommen werden sollen.
Ein von Respekt und Wertschätzung geprägtes partnerschaftliches Miteinander von Frauen und Männern wird letztendlich für Jungen und Mädchen nur dann bewusst erlebbar, wenn der Alltag derartige Situationen und Vorbilder auch zulässt – privat wie beruflich!

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