Soziale Arbeit und Deeskalation – Deeskalationstraining

In allen Berufsfeldern der Sozialen Arbeit werden Sozialarbeiter und andere Fachkräfte zunehmend mit Pöbeleien, Aggressionen, Diffamierungen, Sachbeschädigungen und körperlichen Auseinandersetzungen konfrontiert. Dabei richten sich Angriffe vor allem gegen Menschen, die für die Krisensituation des Einzelnen gar nicht verantwortlich sind.

Übergriffe sollen verunsichern, einschüchtern und unterwerfen. Sie begegnen uns nicht nur in der Kinder- und Jugendhilfe, die hier im Fokus steht, sondern auch in der Bewährungshilfe, Drogen- und SuchthilfeAltenarbeit, bei der Arbeit mit kranken und behinderten Menschen, in der Polizeiarbeit, in Frauenhäusern, Krankenhäusern oder Wohnheimen. Gleichwohl ist das Thema Gewalt aus Scham und vermeintlicher Unfähigkeit oft (noch) ein Tabu.

Gewalt aller Art, selbst wenn sie nicht vorsätzlich ausgeübt wird, verursacht bei den Betroffenen Unsicherheit, Bedrohungsgefühle und Panik, vermiest aber auch den Spaß an der Arbeit. Daher ist innerhalb des beruflichen Handelns ein kontrollierter Umgang mit Gewalt notwendig, um vor derartigen Krisensituationen nicht zu kapitulieren.

Die Sorge um die Sicherheit liegt allerdings nicht nur im eigenen Interesse, sondern auch in der Verantwortung des Arbeitgebers. Neben Vorkehrungen in Dienstgebäuden, bei Hausbesuchen (z. B. bei Inobhutnahmen) und allgemeinen Maßnahmen (z. B. geeignete Bekleidung, keine Herausgabe privater Kontaktdaten) zählt der professionelle Umgang mit Gefahren zu den Kernaufgaben. So kann es mit spezifischem Know-how in der Arbeit mit aggressiven und dissozialen Menschen, Selbstmanagement sowie einer intensiven Teamarbeit gelingen, Konflikte zu entschärfen sowie Schäden der beteiligten Konfliktparteien zu verhindern.

Die Eskalation von Konflikten durch Macht, Aggression, herausforderndes Verhalten und Gewalt kann durch Blicke, Sprache und Körperkontakt hervorgerufen werden:

  • visuell: (lange) Fixierung mit Blicken, Opferhaltung bei Absenken
  • verbal: Beleidigungen, Beschimpfungen, Bedrohungen.
  • taktil: Schubsen, Ohrfeigen, Schlagen, Treten.

Ziele und Grenzen von Deeskalationstraining

Deeskalationstraining bereitet u. a. Sozialarbeiter durch die frühzeitige präventive Auseinandersetzung mit Gewalt auf mögliche Gefahrensituationen vor und erhöht die Chance auf eine situationsangepasste Verhaltensweise bei akuten Bedrohungslagen.

Deeskalationstraining befähigt

  • zum frühzeitigen Erkennen und Benennen von Gewaltsituationen durch eine geschärfte Wahrnehmung,
  • für ein sichereres Auftreten durch Strategien für deeskalierende und gewaltfreie Verhaltensweisen sowie die Entwicklung persönlicher Handlungsmuster in Konflikt-, Gewalt- und Bedrohungssituationen,
  • zur wirksameren Deeskalation von Krisensituationen durch ein erprobtes Methodenrepertoires,
  • zum effektiveren Selbstschutz unter Wahrung der Würde des Gegenübers,
  • zur Selbstreflexion im Umgang mit Bedrohung, Konflikten und Gewalt sowie
  • zur Stärkung der Persönlichkeit und der sozialen Kompetenzen (z. B. Empathiefähigkeit, Impulskontrolle).

Das Training garantiert dennoch nicht, dass schwierige Situationen immer gewaltfrei verlaufen. Auch einschlägige Ausbildungen (z. B. Bachelor Soziale Arbeit) bieten keine Sicherheit, im Umgang mit Konflikten, Aggressionen und Gewalt hinreichend gerüstet zu sein. Nichtsdestotrotz erhöhen die erworbenen Handlungskompetenzen in emotionalen oder gefährlichen Situationen die Entscheidungssicherheit und tragen zum Selbstschutz bei.

Deeskalation stößt allerdings dann an ihre Grenzen, wenn

  • das vorhandene Gewaltpotenzial nur noch einen kontrollierten Rückzug ermöglicht,
  • zu viele Personen aktiv beteiligt sind und
  • der Kontrollverlust der Hauptakteure keine Intervention mehr zulässt.

In diesen Situationen geht es nur darum, die eigene Sicherheit zu gewährleisten und die Polizei zu rufen. Prävention vor Intervention!

Inhalte des Deeskalationstrainings

Deeskalationstraining wird als didaktisch-methodisches Lehrtraining in Kleingruppen durchgeführt und vermittelt in einem geschützten Rahmen theoretisches Wissen, praktisches Training, Entspannungstechniken sowie Reflexionseinheiten. Alle Bausteine werden sportlich spielerisch, interaktiv oder als Rollenspiel simuliert, so dass individuelle Verhaltens- und Handlungsalternativen in Konflikt-, Bedrohungs- und Gewaltsituationen erlernt werden können.

Nichtsdestotrotz ist der Ausgang brenzliger Situationen immer von den beteiligten Personen und deren Reaktionen abhängig, allgemein gültige Lösungen gibt es leider nicht.

Die Rolle der Kommunikation

Kommunikation ist alles, Deeskalation eingeschlossen. Blickkontakt, Mimik, Körperhaltung, Bewegungen, Berührungen, räumliche Distanz, Stimmlage, Kleidung und Statussymbole können Kommunikationsprozesse beeinflussen. Durch Körpersprache treten Gefühle und Konflikte nach außen. Nicht umsonst suchen sich aggressive Typen oder Gewalttäter eher ängstliche Opfer aus anstatt sich mit selbstbewussten Personen anzulegen.

Eine positive Wertschätzung des Gegenübers, neutrale und deeskalierende Körperhaltung sowie Gelassenheit und Neutralität in Stresssituationen können Konflikte entschärfen, wohingegen Widerspruch, Kritik am Erscheinungsbild, Polemik, Bemerkungen über die dürftige private Finanzlage, Rechthaberei oder Gerüchte das Fass zum Überlaufen bringt.

Verhalten in Bedrohungssituationen

Leicht gesagt, aber im Einzelfall schwer umzusetzen:

  • Ruhig bleiben!
  • Aktiv werden!
  • Opferrolle verlassen!
  • Reden und zuhören!
  • Hilfe holen!
  • Unerwartetes tun!
  • Körperkontakt vermeiden!

Deeskalation in der Praxis

Gewalttätige Jugendliche können selten durch rationale Argumente und Moralpredigten zur Einsicht oder Verhaltensänderungen bewegt werden, da sie aus ihren Sozialisationserfahrungen Gewalt als probates Mittel für die Durchsetzung ihrer Interessen kennen. Zudem testen sie ohnehin, wie weit sie bei Sozialarbeitern oder Erziehern gehen können, bevor die „Bombe platzt“. Betitelt etwa ein Jugendlicher die Sozialarbeiterin provozierend als asoziale Schlampe und wird diese wütend, feiert dies der Jugendliche als Erfolg. Sind Jugendliche bereits ausgeflippt, eskaliert die Situation, wenn sich der Sozialarbeiter auf die Machtprobe einlässt und ggf. die Beherrschung verliert.

Aggressive Verhaltensweisen werden meist nicht grundlos ausgelöst, sondern sind Ergebnis von Verzweiflung oder Notsituationen, für die ein Schuldiger bzw. ein „Feindbild“ gesucht wird. So können psychosoziale Belastungen wie Trauer, Verlustängste und Trennungsschmerz, aber auch Überforderung, Frustration sowie Hilflosigkeit Gewaltausbrüche auslösen, die ggf. wahllos an Unbeteiligten ausgelassen werden. Sozialarbeiterisches Verständnis für die Ursachen und Beweggründe solcher herausfordernden Verhaltensweisen kann dazu beitragen, emotionale Ausnahmezustände zu entspannen und Lösungsansätze für die eigentlichen Motive zu entwickeln. Das bedeutet jedoch nicht, Gewalt zu tolerieren, sondern Kinder und Jugendliche mit ihren Taten zu konfrontieren und die Konsequenzen für Täter und Opfer zu verdeutlichen.

Insbesondere die Arbeit mit Verhaltensauffälligen in Jugendhilfeeinrichtungen ist für Sozialarbeiter mit erheblichen Belastungen und Stress verbunden. In der täglichen Auseinandersetzung mit Gewalt ist wichtig abzugrenzen, dass Täter (meist) nicht den Sozialarbeiter als Person angreifen, sondern lediglich ihre Aggressionen auf ihn projizieren.

Mit Selbstmanagement (z. B. Achtsamkeit, Wahrnehmung)  kann der klare Blick für die Situation geschärft und professionelles Handeln gefördert werden, aber bei persönlicher Betroffenheit auch zu Unachtsamkeit und rechtlich bedenklichen Taten führen. Daher haben in Krisensituationen Ruhe, Gelassenheit und Besonnenheit oberste Priorität!

FAZIT:

Konflikte und Gewalt sind (leider) Teil unseres Lebens, denen mit Konfliktmanagement und Deeskalation SP_logo16_Fazitbegegnet werden kann. In der Sozialen Arbeit sind alle Berufsfelder mehr oder weniger davon betroffen, sei es durch verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche, Schuldner oder Patienten in Wohnheimen und Einrichtungen. Daher ist es für Sozialarbeiter, aber auch Sozialassistenten, Heilerziehungspfleger oder Erzieher auch im eigenen Interesse wichtig, deeskalierend wirken zu können.  

Der Verein zur Förderung bewegungs- und sportorientierter Jugendsozialarbeit e.V. Marburg bietet z. B. eine berufsbegleitende Zusatzqualifizierung zum Deeskalationstrainer an.

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