Retten Kindheitspädagogen die frühkindliche Bildung?

Sozialpädagogik Fernstudium WeiterbildungBereits seit 2004 stricken Deutschlands Hochschulen an Konzepten für Bachelor– und Master Studiengänge zum Thema Bildung und Erziehung im Kindesalter, um die Arbeit der frühpädagogischen Fachkräfte in Kindertagesstätten zu professionalisieren und mit einem akademischen Abschluss zu „krönen“. Den Anstoss für mehr Engagement in der Frühpädagogik gab die im europäischen Ausland bereits seit Jahren übliche akademische Erzieherausbildung und das schlechte Abschneiden Deutschlands bei Bildungsprozessen und -ergebnissen im internationalen Ranking.

Inzwischen fordert sogar der Aktionsrat Bildung, dass bis 2020 in jeder Krippe, Kita oder Hort eine akademische Fachkraft arbeiten soll.

Erzieher = Kindheitspädagoge?

Erzieher wurden und werden an Fachschulen und Hochschulen gleichermaßen ausgebildet: an Fachschulen der Staatlich anerkannte Erzieher als Ausbildungsberuf und seit einigen Jahren der Staatlich anerkannte Kindheitspädagoge mit einem akademischen Studium.

Zum Werdegang: Hochschul-Absolventen leiteten aus dem Studium den (nachvollziehbaren) Anspruch auf eine höherwertige Tätigkeit und damit bessere Bezahlung ab. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Bildung und Erziehung in der Kindheit (BAG-BEK) hat daraufhin 2009 beschlossen, dass die Absolventen die Berufsbezeichnung „Kindheitspädagoge“ tragen sollen und haben diese der Jugend- und Familienministerkonferenz der Bundesländer als Abschlussbezeichnung empfohlen. Seither ist das Studium Kindheitspädagogik in Deutschland etabliert, in fast allen Bundesländern umgesetzt und kann aktuell auf über 110 grundständige oder berufsbegleitende Studiengänge verweisen.

Die Differenzierung zwischen Absolventen von Fach- und Hochschulen wird also in der Bezeichnung deutlich, wenngleich sich natürlich auch Studierende an Fachschulen in der Erzieherausbildung kindheitspädagogisches Wissen aneignen.

Die Inhalte in der Kindheitspädagogik

Die Studiengänge in der Kindheitspädagogik vermitteln u. a. aktuelle Erkenntnisse aus der Pädagogik und Psychologie zur Entwicklung von Kindern von der Geburt (meist) bis zum Ende des Hortalters, besondere Förderungsmöglichkeiten sowie Prävention und Intervention bei möglichen Fehlentwicklungen oder Entwicklungsstörungen in jungen Jahren. Das Kind steht dabei als durchaus selbsttätiger Akteur im Mittelpunkt, flankiert durch die qualifizierte Unterstützung von Erwachsenen und den Eltern als Erziehungspartnern.

Zudem beinhaltet das Studium Kindheitspädagogik die kompetente Leitung von Teams, qualifiziertes Konflikt– und Qualitätsmanagement sowie die Steuerung der Arbeit von Kindertagesstätten unter betriebswirtschaftlichen Aspekten.

Anspruch und Wirklichkeit

Ganz platt betrachtet, sind unsere Kinder das Kapital für die wirtschaftliche und politische Entwicklung in unserem Land:

  1. Kinder sind Human Resources (Humankapital), das mit einer bestmöglichen Bildung zukünftig die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands auf den globalen Märkten sichern soll.
  2. Kindertageseinrichtungen sind betriebswirtschaftlich und kostentransparent arbeitende Unternehmen, denen sich (meist) auch der pädagogische Anspruch unterordnen muss.
  3. Kindertageseinrichtungen agieren zunehmend als Dienstleister für Unternehmen, die auf ihre Mitarbeiter durch Schichtdienste oder verlagerte Arbeitszeiten (fast) rund um die Uhr zugreifen.
  4. Erzieher oder Kindheitspädagogen sind beauftragt, über die Bildung der Kinder und Elternarbeit soziale Chancenungleichheiten auszugleichen.

Erzieher als eierlegende Wollmilchsau?

Als pädagogische Fachkräfte in Kindertagesstätten sind heute (fast) perfekte Allrounder gefragt, die die komplexe Aufgabenpalette vom Schnürsenkel binden und Nase putzen über Inklusion, Sprachförderung, Bewegungskonzepten, Entwicklungsbegleitung bis hin zu Dienstplänen und Ernährungsfragen vom linksdrehenden Bio-Joghurt für Michelle oder nach Fleisch schmeckendem Gemüse für Kevin – und alles stets unter Berücksichtigung von Elternwünschen – zu bewerkstelligen haben.

Dennoch stehen Träger den Bachelor-Erziehern bzw. Kindheitspädagogen (noch) mit Zurückhaltung gegenüber und würden sie vordergründig in Leistungsfunktionen einstellen. Auch wenn über 60 Hochschulen inzwischen ein Studium im Bereich „Frühe Bildung“ im Programm haben, reicht das im Vergleich zum Bedarf bei Weitem nichts aus.

Ein Grund ist sicher die Bezahlung. Egal ob Bachelor-Erzieher oder nicht – wenn sie nach dem Studium weiter in einer Kita arbeiten, bleibt das Gehalt wie vorher, obwohl sie aktuelles akademisches Wissen in den pädagogischen Alltag einbringen.

Studie bestätigt hohe Zufriedenheit, aber neblige Perspektiven

Eine Befragung der „Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte“ im Jahr 2010 unter den ersten ausgebildeten Kindheitspädagogen ergab, dass die Mehrheit der Absolventen mit dem Studium völlig oder überwiegend zufrieden waren, aber berechtigte Zweifel an der Wertschätzung ihrer Arbeit, den Aufstiegschancen und einem adäquaten Verdienst bestehen.

Die Folgen liegen auf der Hand: Die dringend benötigten und akademisch ausgebildeten Kindheitspädagogen steigen nach dem Studium gar nicht erst in Kitas ein oder verlassen über kurz oder lang Krippen und Kindergärten, um sich einen besser bezahlten Job zu suchen.

Bachelor-Erzieher – Potenziale und Reserven

Fakt, dass neben der Schaffung möglichst vieler Betreuungsplätze auch die Qualität in der frühkindlichen Bildung stimmen muss. Dies erfordert zusätzliches qualifiziertes Personal, was wir derzeit nicht haben.

Interessenten für die Studiengänge Kindheitspädagogik (B.A.) können wir nur gewinnen, wenn die Absolventen bereits vor dem Studium oder spätestens in der Berufseinmündungsphase attraktive berufliche Entwicklungsmöglichkeiten, gesellschaftliche Anerkennung und eine angemessene Bezahlung in Aussicht haben.

Die Bundesländer und Hochschulen sind gefordert, mit einer höheren Durchlässigkeit Staatlich anerkannten Erziehern oder Sozialassistenten einen schnelleren Zugang zu einem Kindheitspädagogik Studium zu ermöglichen, fehlende Ausbildungskapazitäten etwa durch anrechenbare Zertifikatsstudien (vorerst) abzufedern und somit den Personalnotstand in unseren Kindertagesstätten abzubauen.

Auch die Träger sind gefordert, nicht nur nach Personal zu schreien, sondern den Bedarf mit fundierten Personalentwicklungskonzepten belastbar zu untermauern!

Unsere Kleinsten brauchen die besten Kräfte – dies gilt für Kindertagesstätten wie für Grundschulen gleichermaßen!

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