Sozialarbeit als Selbsttherapie?

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Die letzten Wochen des Jahres sind auch die Zeit für Analysen, Rückblicke und Resümees. Wir lassen das Erreichte Revue passieren und freuen uns über Erfolge, übernehmen nicht Geschafftes auf die To-do-Liste des nächsten Jahres und schmieden neue Pläne.

Weihnachtliche Gedanken zum „seelischen Frühjahrsputz“

Doch bis zu den Weihnachtsfeiertagen steigt auch in der Sozialen Arbeit die Arbeitslast. Besinnlichkeit, Vorfreude, Glühweinduft und Kerzenschein – Fehlanzeige. Dafür Jahresberichte, Hektik, Bereitschaftsdienst und Kampf um ein paar freie Tage zum Jahreswechsel.

Egal, ob Sozialarbeiter und Sozialpädagogen, Sozialassistenten und Heilerziehungspfleger, Erzieher und Sonderpädagogen, Sucht- und Familienberater, Altenpfleger und Freizeitpädagogen: Sie alle sind über Tage, Wochen, Monate oder Jahre für das Wohl anderer Menschen da, engagieren sich für die Lösung von sozialen Problemlagen, die Bildung und Erziehung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die Gestaltung von anspruchsvollen Freizeitaktivitäten, die Betreuung von hilfebedürftigen, kranken und ehinderten und alten Menschen, die professionelle Begleitung von Suchtkranken und Straffälligen, die soziale Arbeit in Schulen oder in der Erwachsenenbildung.

Doch wo bleiben eigentlich die Fachkräfte in diesem Prozess? Ist Sozialarbeit auch Selbsttherapie oder werden Sozialarbeiter selbst zum Klient?

Sozialarbeit = Arbeit in Grenzbereichen

Viele der Beschäftigten im Sozialwesen sind bereits seit Jahren in diesem Bereich tätig und gelten als alte Hasen. Eigentlich gibt es fast nichts, was sie in ihrem Berufsfeld an privaten Problemen, familiären Konflikten, finanziellen Nöten, gesundheitlichem Elend oder Süchten noch nicht gesehen, gehört oder selbst erlebt haben – sie zählen (meist) zu den ganz Harten der Branche.

Dennoch haben Arbeitsumfang, Intensität und noch so flexible Arbeitszeitmodelle, aber auch Toleranzschwellen, Motivation sowie physische und psychische Belastbarkeit ihre Grenzen. Auch Sozialpädagogen, Heilerziehungspfleger, Erzieher oder Altenpfleger brauchen Ruhephasen zur Regeneration, gedankliche Auszeiten, Abstand und wenn nötig, auch professionelle Hilfe.

Tagtäglich zielorientiert „am Mann“ zu arbeiten, Konflikte zu lösen, verschiedene Sichtweisen sachlich auszudiskutieren, Aggressionen mit geeigneten Argumenten zu begegnen, Schicksalsschläge und menschliche Abgründe mitzuerleben, stets gefordert zu sein, Ad hoc passgenaue Lösungsansätze zu entwickeln, berufliche Enttäuschungen zu verarbeiten, aber auch parallel Kosteneffizienz und Qualität zu sichern, setzt neben Fachkompetenz eine besondere persönliche Stärke und professionelle Herangehensweisen voraus. Wer kann das auf Dauer ab?

Wenn (fast) nichts mehr geht

Sozialarbeiter, Erzieher, Drogenberater oder Pflegekräfte stehen nicht über den Dingen und haben neben ihren beruflichen Aufgaben auch ihren persönlichen Alltag zu organisieren und eigene Probleme zu lösen. Schütteln und weitermachen ist auf Dauer keine Lösung, denn nicht von ungefähr kämpfen viele Beschäftigte im Sozialwesen mit Demotivation, Resignation und seelischer Leere bis hin zum Burnout.

Weg mit dem Ballast

Ausreichend Zeit für Selbstreflexion und die Entwicklung zukunftsträchtiger Konzepte, regelmäßige Team-Beratungen, die Abstimmung koordinierter Vorgehensweisen, die Nutzung von Netzwerken, aber auch regelmäßige Weiterbildungen und Supervisionen können helfen, Überforderungen sozialer Fachkräfte zu vermeiden.

Auch das „Abkippen von Seelenmüll“ auf vertrauenswürdige Kollegen, die Familie und Freunde, ein förderliches Arbeitsklima sowie eine lösungsorientierte und klar definierte Zusammenarbeit mit den Vorgesetzten tragen dazu bei, persönliche Verstimmungen abzubauen, (wieder) konstruktive Ideen zu entwickeln und gestärkt aus Krisen hervorzugehen.

Soziale Arbeit als individuelle Krisenintervention?

Das Durchleben von (beruflichen) Krisen ist für die direkt Beteiligten bzw. Betroffenen kein Grund für Resignation und ebenso wenig ein Zeichen von Schwäche, sondern ein normaler, wenn auch teils schmerzlicher Prozess der Unsicherheit oder gefühlten Versagens. Allerdings muss es gelingen, derartige Krisen zu erkennen und in einem überschaubaren Zeitraum zu bewältigen. Ob es dazu professioneller Hilfe bedarf oder aus eigener Kraft gemeistert werden kann, ist im Einzelfall sehr genau zu prüfen.

Dennoch sind Krisen meist auch Anlass für (grundlegende) Veränderungen und Denkanstöße. Auf einmal ist Vieles möglich, was vorher undenkbar schien – schließlich muss etwas passieren und dafür ist zeitnah Initiative gefragt! Arbeitsziele werden klar(er) definiert, zu erledigende Aufgaben anders organisiert und verteilt, die zielorientierte und fachliche Arbeit im Team forciert, neues Personal eingestellt, Überstunden gedeckelt oder der eigene Arbeitsstil, Herangehensweisen oder Einstellungen verändert.

 

FAZIT:

Soziale Arbeit kann nur erfolgreich und nachhaltig sein, wenn die im Berufsfeld tätigen Beschäftigten physisch, SP_logo16_Fazitpsychisch und fachlich fit sind, an betrieblichen Prozessen, der Meinungsbildung und Entscheidungen aktiv beteiligt werden, auf ein funktionierendes berufliches Umfeld bauen können und bei individuellen Krisen intensiv unterstützt und begleitet werden.

In diesem Sinne wünschen wir Ihnen eine besinnliche Adventszeit, viel Gesundheit, Glück und berufliche Kreativität im neuen Jahr. Nehmen Sie sich die Freiheit, gerade an diesen Tagen neben Familie und Freunden auch einmal an sich selbst zu denken (ohne sich als Egoist zu fühlen!), die Ruhe zu genießen, berufliche Probleme beiseite zu schieben und mit neuer Motivation ins neue Jahr zu starten!

Wir freuen uns, wenn wir auch im kommenden Jahr mit Ihnen Erfahrungen austauschen, aktuelle soziale Probleme diskutieren und Wissenswertes rund um die Soziale Arbeit an Sie weitergeben können.

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