Zauberwort Inklusion – Chancen, Grenzen und Befindlichkeiten

Mit der seit 2008 in Deutschland rechtskräftigen UN-Behindertenrechtskonvention haben Menschen mit Behinderung ein offiziell festgeschriebenes Recht auf umfassende Teilhabe an der Gemeinschaft sowie Chancengleichheit, Selbstbestimmung und Barrierefreiheit.

Inklusion ermöglicht allen Menschen – unabhängig von ihrem Alter, Unterschieden, Vielfalt und Differenzierungen – die voll umfängliche Teilnahme an allen gesellschaftlichen Aktivitäten bzw. Bereichen (z. B. Schule, Jugendhilfe, Ausbildung, Arbeitsmarkt, Leben) und damit ein Gefühl der Zugehörigkeit. Wir verbinden damit auch Begriffe wie optimale Förderung, Pädagogik der Vielfalt, chancengleiches Lernen oder inklusive Pädagogik.

Inklusion bedeutet aber auch, dass sich Kinder, Jugendliche oder Erwachsene nicht (mehr) den Strukturen bzw. Anforderungen von Kindertagesstätten, Schulen oder Unternehmen anpassen, sondern das sich Einrichtungen den individuellen Bedürfnissen und der Aufnahme jedes Menschen öffnen und damit jedem ermöglichen, ein wertvoller Teil der Gesellschaft zu sein.

Inklusion steht jedoch an vielen Stellen erst am Anfang, und wir tun uns schwer damit. Warum?

Inklusion und der Mensch als „Gewohnheitstier“

Jahrzehnte war der Lebensweg von behinderten Menschen geregelt: (integrative) Kindertagesstätte – Förder- bzw. Sonderschule – Behindertenwerkstatt – ggf. betreute Wohnform, alles separiert und unbeachtet von der öffentlichen Wahrnehmung. Sind wir einer körperbehinderten Gruppe begegnet, fühlten wir uns peinlich und hilflos. Drastisch ausgedrückt: Es ging uns – mit Ausnahme der Angehörigen und Betreuer – nichts an, und wir waren froh darüber.

Heute rücken uns in Zeiten von Inklusion Menschen mit Behinderungen bedrohlich nahe. Jetzt sind wir alle aufgefordert, uns aktiv an inklusiven Prozessen zu beteiligen, Ideen und Engagement einzubringen sowie Vorbehalte und Ängste abzubauen. Unsere Kinder sollen mit behinderten Kindern im gleichen Kindergarten spielen, gemeinsam in der Schule lernen, an Freizeiten und Freizeitpädagogik Maßnahmen teilnehmen, Zeit im Jugendklub verbringen, Sport treiben, eine Ausbildung absolvieren, in Unternehmen ein Team bilden oder Interessen und Hobbys teilen. Kann das gut sein?

JA, aber wir fühlen uns (noch) überfordert, besonders dann, wenn sich Menschen mit Behinderungen oder ihre Familien ohne Rücksicht auf Verluste für die Erlangung ihrer Ziele einsetzen und damit eher Unverständnis und Gegendruck verursachen!

Inklusion oder Exklusion – ganz oder gar nicht?

Während es für radikale Befürworter oder Gegner der Inklusion nur schwarz oder weiß, gut oder schlecht, behindert und nicht behindert gibt, sehen wir das Gelingen von Inklusion als spannenden Lernprozess, bei dem Menschen mit Behinderungen ihre Stärken und Sichtweisen in die Gesellschaft einbringen. Von diesen Erfahrungen profitieren Kinder, Eltern, Erwachsene und sozialpädagogische Fachkräfte gleichermaßen.

Chancen und Grenzen der Inklusion in der Sozialen Arbeit

Soziale Inklusion richtet sich nicht nur an Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen, sondern ebenso an Senioren, Migranten oder Problemschüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Lernen, der Sprache und der emotional-sozialen Entwicklung oder Menschen mit sonstigen Herausforderungen. Sie sind damit eine wesentliche Zielgruppe Sozialer Arbeit, beginnend von der Frühpädagogik über die Jugendsozialarbeit mit dem zentralen Auftrag der Herstellung von Teilhabe, der Sicherung sozialer Integration sowie der Vermeidung von Benachteiligungen bis hin zur sozialpädagogischen Begleitung in der Schule, beim Berufsübergang und während der Ausbildung sowie der Bereitstellung unterstützender Wohnformen.

Für das eigene Verstehen sozialer Inklusion ist der Rollentausch zwischen Behinderten und Nichtbehinderten ein geeignetes Mittel, um „Normalos“ die Stärken von Menschen mit Defiziten nachhaltig zu verdeutlichen und persönliche Vorbehalte umzukehren. So erweisen sich Behinderte etwa in Dunkelrestaurants oder beim Rollstuhl-Basketball als die wahren Könner ihres Metiers.
Auch generationenübergreifende oder gemeinschaftliche Wohnprojekte für Menschen mit und ohne besondere Herausforderungen sind Schwerpunkte sozialer Inklusion ebenso wie der Kampf gegen soziale Ausgrenzung von langzeitarbeitslosen Jugendlichen.

Insbesondere die offene Kinder- und Jugendarbeit mit ihrer Ausgestaltungsvielfalt, Selbstbewusstsein, Offen- und Unbefangenheit bietet im Rahmen niederschwelliger Angebote wie Workshops und Kursen, Freizeiten, jugendkulturellen und Sport-Veranstaltungen, aber auch mit Beratung und der Kooperation mit Netzwerkpartnern eine besondere Chance für die Teilhabe von Kindern und Jugendlichen.

Inklusion heißt auch: Erreichbare Ziele definieren und nicht „überladen“, fordern und fördern, motivieren und steuern, selbstständig und doch gemeinsam, spontan und doch ausdauernd, tolerant und vertrauend, aber auch Sinn oder Unsinn, angemessen oder überzogen, machbar oder unmöglich!

Qualität und Erfolg in der inklusiven sozialen Arbeit bedarf struktureller, pädagogischer und sozialer Kompetenz der Fachkräfte wie die Erkennung sozialstruktureller Ungleichheiten in den sozialen Sicherungssystemen und das (penetrante) Einfordern von Partizipation und gleichen Teilhabechancen auf allen Ebenen der Gesellschaft. Auf dieses Anforderungsspektrum müssen sich auch Soziale Arbeit Studiengänge inhaltlich besser einstellen und zudem sonderpädagogische Schwerpunkte detaillierter einbinden.

Neben der oft fachlichen Überforderung der Sozialarbeiter stoßen auch Kommunen bei der Umsetzung von Inklusion in die Praxis – z. B. Barrierefreiheit durch Fahrstühle, Rollstuhlrampen etc. – ebenso an ihre Grenzen wie Kindergärten mit gehörlosen Kindern, Lehrer mit Problemschülern und Migranten oder Unternehmen mit barrierefreier Nutzung der Medien.

Inklusion – Wunschtraum oder Realität?

Wenn Rollstuhlfahrer Treppen nicht überwinden, Sehbehinderte nicht mit der Tastatur schreiben und Gehörlose nicht mit dem Telefon umgehen können oder geistig Behinderte nicht fürs Gymnasium geeignet sind, sind dies die alltäglichen Auswirkungen menschlicher Behinderungen im Alltag.

Inklusion ist ohne Zweifel ein Idealzustand und aus heutiger Sicht in weiter Ferne, weil wir uns bei der Umsetzung hinter finanziellen, personellen und örtlichen Vorbehalten verstecken können.

Nichtsdestotrotz bieten sich für jeden Menschen unter Berücksichtigung seiner körperlichen und geistigen Voraussetzungen sowie besonderer Stärken Lern-, soziale Einsatz  oder Berufsfelder, die durch individuell bewertbare Verwirklichung gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen. Dafür müssen wir aber bereit sein, bewusst und mit Verstand, aber nicht mit der Brechstange, an den gesellschaftlichen Stellschrauben zu drehen.

FAZIT:

Der Weg bis zu einer inklusiven Gesellschaft ist ein langwieriger gesellschaftlicher Lernprozess, der Umdenken, Verstand, Fingerspitzengefühl, Sachlichkeit und eine fundierte Argumentation ebenso braucht wie klare Haltungen aller Beteiligten, den Willen, Andersartigkeit zu akzeptieren und als Chance zu begreifen sowie das Bewusstsein, Inklusion nicht als Sparmodell zu betrachten!

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