Zwischen Ökonomisierung und Anspruchsniveau – Qualitätsmanagement in der Sozialen Arbeit

Professionelles Qualitätsmanagement ist heute nicht mehr nur Baustein, sondern Grundlage für wirtschaftlichen Erfolg. Optimierte Betriebsabläufe, effektive Produktionsprozesse, Standards und positive Kosten-Nutzen-Bilanzen sind aber nicht mehr nur in produzierenden Unternehmen üblich, sondern auch die Soziale Arbeit wird heute mehr denn je unter ökonomischen Gesichtspunkten betrachtet. So umfasst das Qualitätsmanagement in der Sozialen Arbeit neben der optimalen Erbringung sozialer Dienstleistungen alle organisatorisch notwendigen Maßnahmen zur Qualitätsoptimierung von Abläufen oder Leistungen unter Berücksichtigung von Berufsethik und fachlichen Ansprüchen, aber eben auch von Kostenträgern, Politik und Klienten.

Qualitätsmanagement richtet sich sowohl nach innen (z. B. Arbeitsbedingungen, Fachkräftepotenzial, Motivation) als auch nach außen (z. B. zu ergreifende Maßnahmen, Strategien, Hilfeangebote, Klientenberatung, Therapien, Hilfen zur Erziehung, Zielplanung).

Dennoch scheiden sich bei der Qualitätsdiskussion in der Sozialen Arbeit die Geister. Zählen Lernfortschritte, individuelle Entwicklungsprozesse und die Fähigkeit zur eigenständigen Lebensbewältigung schon als Erfolg? Bestimmt Effizienz und Effektivität das Ergebnis? Sind kurzfristig erreichte Ziele höher zu bewerten als Nachhaltigkeit? Ist eine Drogentherapie ein Erfolg, wenn anschließend kein selbstbestimmtes Leben möglich ist?

Soziale Arbeit unter der Qualitätslupe – für und wider

Qualitaetsmanagement

Qualitätsmanagement in der Sozialen Arbeit lässt uns glauben, dass es vordergründig wirklich um Qualität geht. Vielmehr steht eher Rechtfertigung oder Legitimation für die Verwendung und Verteilung der in der Sozialen Arbeit eingesetzten öffentlichen Mittel im Vordergrund. Die vorrangige Beachtung ökonomischer Aspekte in der Sozialen Arbeit zielt lediglich darauf, durch die Verknappung öffentlicher Kassen und die Verschärfung des Marktes wirtschaftliche Interessen durchzusetzen und mit sozialen Leistungen zu niedrigen Preisen und in kurzer Zeit die gewünschten Ergebnisse zu erreichen.

Nichtsdestotrotz hat die Qualitätsbetrachtung in der Sozialen Arbeit zur (positiven) Folge, dass deren Leistungen für die Gesellschaft, bestimmte Arbeitsweisen und –methoden, die Steuerung, deren Wirksamkeit sowie Evaluation zu einer differenzierteren Wahrnehmung, zu mehr Transparenz, Partizipation und öffentlichem Interesse, aber auch zu einer stärkeren Selbstreflexion der eigenen Arbeit von Sozialpädagogen und Sozialarbeitern sowie des sozialen Managements bei Trägern führt.
Die Notwendigkeit kostenbewussten Denkens bedingt ebenso, dass präventive und ambulante Maßnahmen, Hilfe zur Selbsthilfe oder das Flankieren sozialer Dienstleistungen durch ehrenamtliche Träger deutlich an Bedeutung gewinnen.

Mit Mindeststandards zu höherer Qualität in der Sozialen Arbeit?

Dennoch stellt sich die Frage, auf welcher Basis Qualität im sozialen Bereich bewertet und vergleichbar gemacht werden soll – am Qualifizierungsstand der Fachkräfte, den Arbeitsstrukturen, der Anzahl der Kinder und Jugendlichen im Jugendklub oder bei der Freizeitpädagogik, dem Zeitaufwand für die Abfertigung von Klienten in der Schuldner – oder Drogenberatung, den Betreuungsstunden in der Seniorenwohngemeinschaft, den sportlichen Bewegungszeiten in der Frühpädagogik oder der Anzahl verhinderter Fälle von Kindeswohlgefährdung?

Teilweise auch, aber die Güte Sozialer Arbeit muss sich in Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität und deren Auswirkungen wie etwa an der Zufriedenheit der Adressaten sozialer Dienstleistungen beweisen!

Alle Einsatz- und Berufsfelder in der Sozialen Arbeit verfolgen ein bestimmtes Handlungsziel. Um dieses Ziel zu erreichen, sind – unter möglichst optimalen strukturellen Voraussetzungen – Leitbilder und Handlungsstrategien zu entwickeln, für die Zielgruppe oder den Klient geeignete und wirksame Maßnahmen zu ergreifen, sozialpädagogische Prozesse in Gang zu setzen, Entwicklungsverläufe und Erfolge zu dokumentieren sowie Kooperations- und Netzwerkpartner einzubeziehen. Bei all diesen Aspekten spielt die Berücksichtigung von Wirtschaftlichkeit und Wirksamkeit der dafür einzusetzenden Mittel eine mitbestimmende Rolle.

Dennoch funktioniert Soziale Arbeit nicht nach Schema F! Die prozessorientierte Arbeit mit Menschen erfordert eine methoden- und ergebnisoffene Herangehensweise, die etwa das familiäre Umfeld, Wohnsituation, soziale Kontakte, Individualität oder Schul-, Ausbildungs- und Berufssituationen berücksichtigt. Ebenso wenig sind sozialpädagogische Prozesse als Stückzahl messbar oder anderweitig sinnvoll zu quantifizieren. Doch wie wollen wir dann Qualität in der Sozialen Arbeit beurteilen?

Ansatzpunkte für Qualitätsmanagement in der Sozialen Arbeit

Wir sind uns einig, dass wir Professionalität ebenso wie betriebswirtschaftliche Kriterien in der Sozialen Arbeit brauchen. Doch Qualität bedeutet nicht gleich teuer, und kostengünstig bedeutet nicht gleich wertlos.

Dennoch wird die Qualität sozialer Arbeit entscheidend von der fachlichen, sozialen und kommunikativen Kompetenz der in den jeweiligen Berufs- und Einsatzfeldern tätigen Sozialpädagogen und Sozialarbeitern geprägt. Qualitätsentwicklung wird durch Veränderungs- und Entwicklungsprozesse sichtbar, die aus einer vertrauensvollen (zum Teil auch schmerzvollen oder widersprüchlichen) Zusammenarbeit von Sozialpädagogen und Klienten resultieren.

Betriebswirtschaftliche Überlegungen können diese sozialpädagogischen Verläufe zwar permanent begleiten, aber dennoch nicht bestimmen und dominieren. Dies wird an folgenden gegensätzlichen Beispielen aus 2 verschiedenen Bereichen deutlich:

  1. Ein Sozialarbeiter entwickelt aus fachlicher Sicht den für seinen Klienten geeignetsten Weg aus der Schuldenfalle oder der Drogenabhängigkeit. Das Hilfeangebot umfasst nach der Teambesprechnung professionelle Beratungen, persönliche Begleitung, Suchttherapie und anschließende Rehabilitation. Erst nach dieser Entscheidung stellt sich (flankierend) die Frage nach den Kosten, die jedoch nicht die festgelegte und fachlich begründete Strategie anzweifelt und  kostenmindernd eingreift.
  2. Für die Bewirtschaftung eines Jugendklubs oder eines Mehrgenerationenhauses fallen erheblich Betriebskosten an, die das Budget des Trägers bei weitem überschreiten. Alternativen sind die drastische Verkürzung der Öffnungszeiten, das Schließen der Einrichtungen oder die Sozialpädagogen entwickeln entsprechend des Nutzerprofils ein finanzierbares, mobiles niederschwelliges Angebot, das mit deutlich weniger Finanzaufwand ähnliche Effekte erzielen kann.

FAZIT:

Soziale Arbeit braucht den Qualitätsgedanken für den Ausbau und die Weiterentwicklung sozialpädagogischer Herangehensweisen und Konzepte. Über die notwendige Umsetzung von fachlich fundierten Entscheidungen zur gezielten Steuerung sozialpädagogischer Entwicklungsprozesse von Klienten können nur Fachleute und nicht die Geldgeber entscheiden.
Wenn wir Qualität in der Sozialen Arbeit wollen, dann müssen wir uns auch dazu bekennen, die finanziellen Zwangsjacken nicht zu eng zu schneidern!

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