Soziale Arbeit – Musik und Bewegung

Die Förderung von Sport und Spiel ist in kommunalen Haushalten eher schmückendes Beiwerk, wohingegen in allen gesellschaftlichen Bereichen, Soziale Arbeit eingeschlossen, die Bedeutung von Sport und Spiel als unverzichtbarer Bestandteil ganzheitlicher Bildungsförderung allgegenwärtig ist. Bewegung sorgt nicht nur für einen gesunden Körper und Geist, sondern beeinflusst auch kognitive Fähigkeiten, Lernprozesse und stärkt nicht zuletzt soziale Kompetenzen (z. B. Teamfähigkeit), fördert den fairen Umgang und die Integration. Heißt:  Gesundheit, Körper, Bewegung und Ernährung sind untrennbar miteinander verbunden.

Bewegungskünstler gegen Smartphone-Junkies

Kinder verfügen (glücklicherweise) über einen natürlichen Bewegungsdrang. Umso schwerer fällt es zu glauben, dass sich heute Kinder und Jugendliche nicht mehr für Bewegung und Sport begeistern (lassen). Dabei ist es doch eher so, dass u. a. der veränderte Lebenswandel vieler Erwachsener auch beim Nachwuchs mehr oder weniger deutliche Spuren hinterlässt. Welches Kind ist scharf darauf, allein auf dem Spielplatz zu toben, währenddessen Eltern oder Geschwister auf ihr Handy starren. Und wer sammelt schon gerne alleine Kastanien im Wald, schnitzt Stöckchen und balanciert auf umgefallenen Baumstämmen, wenn sich Freizeit auch von der Couch aus organisieren und digital verbringen lässt?

Nicht umsonst werden heute Übergewicht, Diabetes, ungesunde Körperhaltung, fehlende Belastbarkeit oder „Bewegungsclowns“ beklagt, sondern auch verschiedenste koordinative und konditionelle Fähigkeiten vermisst. Ursache und Wirkung!

Natürlich verläuft der Alltag heute anders als vor 30 Jahren. Durch Ganztagesbeschulung, Schulbus, berufstätige Eltern im Spagat zwischen Arbeits- und Privatleben sowie schlechtem Gewissen, häufig nicht in der Nähe wohnende Großeltern sowie fehlende soziale Kontakte zu Nachbarn oder Schulkameraden ist ein strukturierter Tagesablauf oft schon eine Herausforderung.

Bewegung als Schlüssel zur Welt

Eine gezielte Bewegungsförderung im Kindesalter gehört zu den Kernaufgaben frühkindlicher Bildung und Erziehung. Bereits in dieser Lebensphase setzen wichtige kognitive, motorische, sozial-emotionale und sprachliche Entwicklungsprozesse ein, die die kindliche Persönlichkeitsentwicklung maßgeblich beeinflussen. Bewegung ist dabei nicht als Sport mit Leistungscharakter zu verstehen, sondern als Lerngegenstand, Medium zur Gesundheitserziehung und des Lernens sowie Grundvoraussetzung für schulisches Lernen.

Die frühkindliche Entwicklung ist durch eine aktive sinnliche Aneignung der Welt geprägt. Die Entwicklung und Differenzierung der grob- und feinmotorischen Fähigkeiten wie Greifen, Laufen, Klettern, Springen und Werfen sowie der Koordination von Körperbewegungen (z. B. Gleichgewicht, Reaktion, Augen-Hand-Koordination) gestattet immer differenziertere Wahrnehmungserfahrungen als Grundlage des Denkens. Mit vielfältigen Bewegungsangeboten, einem inspirierenden sozialen Umfeld sowie genügend Gelegenheiten für die Bewegungsausübung können u.a. kognitive Strukturen gefördert, Selbstständigkeit, Sicherheit, Handlungskompetenz, Kommunikationsfähigkeit und produktive Problemlösungsstrategien begünstigt und nicht zuletzt elementare Voraussetzungen für lebenslanges Sporttreiben geschaffen werden.

Bewegungsaktivitäten als Medium zur Gesundheitserziehung richtet sich auf die Förderung physischer und psychischer Gesundheitsressourcen. Körperliche Fitness, kräftige Muskulatur und gesunde Körperhaltung bewirken durch realistischere Situationseinschätzungen die Entwicklung von Risikokompetenzen sowie die Minimierung von Verletzungsgefahren durch eine verbesserte Körperkontrolle. Zudem verbessert eine geschulte Wahrnehmung und Konzentration auf den eigenen Körper den Stressabbau.

Bewegung als Lernmedium betrachtet den Zusammenhang von motorischen Bewegungsaktivitäten sowie Lern- und Denkprozessen ein. Mit Bewegung, Sport und Spiel begreifen Kinder ihre Umwelt und ihren Körper mit all seinen Sinnen, erwerben entscheidende Kompetenzen und Wissen in sämtlichen Bildungsbereichen (z. B. Kulturtechniken, Sprache, Mathematik, Naturwissenschaften), sammeln erste Erfahrungen mit Balance, Reibung oder Fliehkraft und entwickeln ein Verständnis für die reale Welt.

Nicht zuletzt führt Bewegung führt zu einer höheren Effizienz schulischen Lernens, da die Sauerstoffaufnahme und Durchblutung des Gehirns verbessert, die Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit und somit Gedächtnisleistungen und Lernprozesse gesteigert sowie ein höheres Motivationslevel gesichert werden kann.

Jugend, Sport und Abenteuerpädagogik

Bewegungsangebote spielen nicht nur in der Frühpädagogik, sondern auch bei Schulkindern und Jugendlichen eine zentrale Rolle. Allerdings geht es in diesen Altersbereichen nicht nur um den Erwerb von Entwicklungsgrundlagen, sondern zugleich um soziale Kompetenzen, Prävention, gesunde Ernährung, die Präsentation des eigenen Körpers sowie den sportlichen Vergleich mit Fun- oder Wettkampfcharakter.

Darüber hinaus eignet sich der Sport in all seinen Facetten auch in der Sozialarbeit, um unverbindlich Kontakte zu vermeintlichen Randgruppen zu knüpfen, sie für eine Beteiligung an sozialräumlicher Arbeit zu motivieren, Konflikte gewaltfrei zu lösen und im besten Fall Veränderungsbereitschaft zu erzeugen und Verantwortung zu übertragen. Zudem können bei Jugendgruppen und Schulklassen u. a. mit freizeit- und abenteuerpädagogischen Angeboten nachhaltige Effekte erzielt werden, die zu einem besseren Teamflow beitragen.

Sportliche Fachkräfte im Sozialwesen?

Jugendbetreuer, Erzieher, Sozialarbeiter oder Freizeitpädagogen müssen nicht zwangsläufig Sportskanonen sein, auch in Stellenausschreibungen wird dies nicht explizit vorausgesetzt werden. Nichtsdestotrotz schadet es nicht, wenn Kindern und Jugendlichen nicht nur ein bewegter Alltag „gepredigt“, sondern auch vorgedacht und -gelebt wird.

Auch eine Reihe von Kindertagesstätten haben in den letzten Jahren Konzepte mit sportlichem Profil entwickelt (z. B. Bewegungs-, Sport- oder Waldkindergärten). Zudem finden sich in der breiten Trägerlandschaft dafür auch prädestinierte Anbieter wie etwa die Sportjugend.   

Neben täglichen Bewegungsangeboten im Innen- und Außenbereich sowie kreativen (preiswerten) Spielen mit Alltagsmaterialien wie Klammern, Korken, Tüchern oder Luftballons tragen auch regelmäßige Sportstunden im eigenen Turnraum bzw. der Turnhalle, Projekttage sowie Schwimmbadbesuche dazu bei, Spaß an Bewegung zu wecken und langfristig zu fördern. Zudem verhilft eine bewegte Kindheit auch dazu, etwa die Schwimmfähigkeit und mehr Sicherheit im Straßenverkehr zu erlangen. Wer bereits frühzeitig sicher Fahrrad fahren kann und den Weg zur Kita bzw. Schule eben nicht mit dem „Elterntaxi“ zurücklegt, kann Gefahrensituationen meist besser erkennen und bewältigen.

Konsequenzen und Empfehlungen für mehr Bewegung

Frühzeitige Bewegungsaktivitäten sind für die Förderung grundlegender motorischer, sozialer, kognitiver und emotionaler Kompetenzen ebenso notwendig wie die Schaffung von Ressourcen für Lern- und Bildungsprozesse sowie die Unterstützung einer gesunden Entwicklung. Daher ist „Bewegung“ in den Bildungsplänen der Bundesländer verbindlich zu verankern und flexibel in den Kindergarten- und Schulalltag einzubinden. Nur so können vielfältige Bewegungs- und Wahrnehmungserfahrungen gesammelt, Kreativität und Phantasie angeregt, Gesundheitsressourcen entwickelt sowie koordinative und konditionelle Fähigkeiten ausgebildet werden.

Die Aus- und Weiterbildung von sozialpädagogischen Fach- und Lehrkräften sowie Multiplikatoren ist so zu evaluieren, dass das Erleben neuer Bewegungserfahrungen als Kernaufgabe wahrgenommen, in die Praxis implementiert und professionell umgesetzt wird. Darüber hinaus tragen verlässliche Partnerschaften mit Sportvereinen dazu bei, sowohl die frühkindliche Bewegungsbildung als auch Sportinitiativen von Jugendlichen flankierend zu unterstützen. Die (sportliche) Bildung ist dabei auch in Schulen, Familien, Kommunen und Gesellschaft zu verankern, so dass ein bewegter Alltag (auch im Team), ausgewogene Ernährung und ein insgesamt gesunder Lebensstil zum Anspruch und Leitbild gehört.


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